Auf diese Weise folgte Luscinia dem Schmetterling eine geraume Zeit und geriet immer tiefer und tiefer in den Wald hinein, tiefer als sie jemals zuvor mit Schiwerni den Wegen gefolgt war. Und je weiter sie voranschritt, umso verfallener wurde der Weg. Während in der Nähe des Schlosses alle Wege geräumt  und mit frischen Steinen aufgeschüttet waren, so wuchs hier in diesem entfernteren Teil des Waldes mehr und mehr Unkraut zwischen den Steinen und manchmal war der Weg schon schlecht zu erkennen unter all dem Gras und Gestrüpp, das sich breit machte und auf das die kleine Prinzessin bei ihrer Jagd nach dem Schmetterling trat.
Es fiel ihr aber gar nicht auf, wie sich allmählich die Umgebung veränderte, so sehr war sie darum bemüht, doch noch einen längeren Blick auf den rot-schwarzen Falter zu erhaschen. Schließlich schien sie Erfolg zu haben. Der Schmetterling hatte sich auf einer Distel am Wegesrand niedergelassen und Luscinia trat langsam und leise hinzu. Diesmal blieb der Falter sitzen und sie konnte seine Flügelzeichnung betrachten.
Auf düsterrotem Untergrund bildeten schwarze Linien ein Geflecht wie ein Fischernetz, aber je länger sie darauf blickte, umso mehr schienen die Linien zu verschwimmen und immer andere Muster zu bilden. Darüber war sie sehr erstaunt, denn noch nie hatte sie einen Falter erblickt, dessen Zeichnung einer lebendigen Veränderung unterlegen war.
Mit wachsender Faszination schaute sie auf das schwarze Muster, das sich nun zu einer Art Tor formte, was Luscinia zu beunruhigen begann. Schließlich war es unverkennbar: Auf den Flügeln des Falters zeigte sich ein schwarzes Tor, das glänzte wie von massivem Eisen. Luscinia runzelte die Stirn und obwohl sie ihre Augen nicht von dem Schmetterling wenden konnte, so nahm sie doch aus den Augenwinkeln wahr, wie düster der Wald an dieser Stelle war. Auch begann es sie zu frösteln, als ein kühler Wind über sie hinwegstrich.
Sie wollte sich gerade losreißen von der Betrachtung des Falters, als eine erneute Veränderung auf der Flügelzeichnung einsetzte. Das Tor schien sich auszubeulen nach außen hin, so als stände es unter einem starken Druck oder als begehrte etwas hinter der Pforte den Raum zu verlassen, den das Tor abschloss, wobei das schwere Eisen sich verformte unter den wohl ungeheuren Kräften.
Luscinia spürte zum ersten Mal in ihrem Leben ein Gefühl von Besorgnis und fühlte den Impuls, sich abzuwenden und nach Hause zu laufen. Aber wie mit magischen Kräften waren ihre weit geöffneten Augen auf das Schauspiel auf den Flügeln des Schmetterlings geheftet. So stand sie und musste mit ansehen, wie immer drängender und gewaltiger das Tor von innen her sich vorwölbte und dem Druck kaum mehr standzuhalten schien. Der Wald um sie herum schien zu verschwimmen und nur die Szene auf den Flügeln nahm sie noch wahr. So etwas wie Bedauern stieg in ihr hoch, dass sie dem Schmetterling hierher gefolgt war, und zum ersten Mal schien ihr der Wald nicht vertraut und sicher, sondern bedrohlich und düster.
Sie nahm all ihre Kraft zusammen und wollte gerade die Augen gegen ihren inneren Widerstand schließen, als das Tor barst. Sie vermeinte ein lautes Krachen zu hören, als die Trümmer zur Seite wegflogen und den Raum hinter dem Tor dem Blick freigaben. Ein gleißendes rotes Licht erfüllte den Torrahmen, ein Licht, das ihr einen lauten Schrei entlockte, denn nie zuvor hatte sie etwas gesehen, das intensiver rot leuchtete und dabei von einer tieferen Schwärze schien.
Dann erblickte sie einen Schatten vor dem rotglühenden Hintergrund.

 

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Die Skulptur auf der Startseite ist von Werner Friedrich “MIRKO” Fölkl , die Abbildungen
 entstanden unter Verwendung zweier Ölbilder von Irina Cerovecki
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