Zuerst war Luscinia erschrocken, dann aber spürte sie das Ziehen und Zerren im Herzen wie beim Gesang der Nachtigall und dieses Ziehen war stärker als ihre Angst und stärker als die Zweifel. Das seltsame Samenkorn schien voller Leben und es wand sich immerzu und je heftiger es zuckte und sich krümmte, desto stärker wuchs in Luscinia wieder das Gefühl wegkommen zu wollen, ja zu müssen, wegkommen von den Wegen, an die sie gefesselt war und von den Schuhen, die sie darauf hielten.
Cidrin schien den inneren Kampf der Prinzessin mitverfolgt zu haben.
„Ich sehe“ , sagte er. „Ich sehe, dass du zweifelst. Und ich sehe, dass du das Samenkorn bei dir trägst, den Keim der Sehnsucht, der niemals austreibt und zur Erfüllung gelangt und der dich vorwärst treibt und nimmer ruhen lässt und der stärker ist als Angst und Zufriedenheit. Also wirst du mit mir kommen. Denk über unsere Frage nach!“
Luscinia starrte den großen Vogel an. Wieso konnte er von ihren Gedanken wissen? Woher kannte er das Samenkorn und seine Wirkung und wieso war er sich so sicher, dass sie mitkommen würde?
Aber was sie vor allem beunruhigte, war, dass er recht hatte. Die Sehnsucht war stärker. Sie konnte nicht bleiben, sie musste mitfliegen.
„Gut“, sagte sie „ich werde mit dir fliegen. Ich werde mit dir in die Hölle fliegen, um meine Schuhe auszuziehen und frei zu sein. Ich werde dir die Schuhe geben, denn sie sind die Quelle meiner Schönheit. Vielleicht ist meine Schönheit das wertvollste, was ich besitze.“
„Aber du musst es gleichzeitig behalten“ sprach Cidrin, „sonst ist die Weissagung nicht erfüllt.“
„Ich werde meine äußere Schönheit weggeben. Du bekommst die Schuhe. Die innere Schönheit werde ich behalten, denn auch wenn ich hässlich werden sollte wie eine Kröte, so werde ich dennoch fröhlich sein und gütig, werde zufrieden sein und glücklich. Meine innere Schönheit werde ich behalten, die äußere gebe ich dir.“
Cidrin überlegte. „Vielleicht ist das ja die Lösung... ich denke, wir können es so versuchen, auch wenn es ein Trick ist. Es reicht, um sich darauf einzulassen.“ Er wandte sich Luscinia zu.
„Bist du bereit?“
Das Mädchen blickte dem Vogel in die schwarzen Augen.
In diesen Augen war Nacht.

 

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Die Skulptur auf der Startseite ist von Werner Friedrich “MIRKO” Fölkl , die Abbildungen
 entstanden unter Verwendung zweier Ölbilder von Irina Cerovecki.